Bücherecke: Martin Röhrig. Schrauben. Schlafen. Surfen.

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Es hört sich trotz unnötiger Plastikverpackung  und Plastikhaptik vielversprechend an: “Schrauben. Schlafen. Surfen” Laut Klappentext unterwegs für ein Jahr, vintage Gefährt, das Ganze gehalten in hellblau. Eigentlich dachte ich, mich ein wenig wiederzufinden und inspirieren zu lassen. Nicht die schlechteste Lektüre für die dunklen verregneten Wintertagen. Dachte ich.

Das Buch aufgeschlagen, fällt mir auf, das die Route eher einer Urlaubsreise gleicht, als einem Jahr Auszeit. Ferner sind die Stellen der Werkstattbesuche und Motorschäden eingetragen. Schrauben kann der Doktor nur lassen. Selber Hand anlegen steht ausschließlich bei der Benutzung der Tastatur an, um die Ausstattung per Amazon nach Hause zu bestellen, die dann in den überteuerten T2 von einer Werkstatt eingebaut wird. Die meiste Zeit reist er auch nicht am Atlantik, so wie es das Cover verspricht.

Eigentlich weiß ich nicht wirklich, wo ich anfangen soll. Ich bemühe mich, nicht schon nach drei Seiten aufzugeben, aber spätestes auf Seite 21 klappe ich das Buch zum x-ten Mal zu: mir ist die Mitnahme eines Tintenstrahldruckers ein Rätsel. Ohnehin, aber definitiv auf einer Reise ins Sabbatjahr, um alles hinter sich zu lassen. Auch der Fakt, dass er nach drei Wochen den T2 schon parkt um wieder zurück nach Hamburg zu einer Geburtstagsparty zu fliegen, wirft bei mir mehr Fragen als Begeisterung auf.

Nach gut zehn Wochen ist seine Reise ohnehin schon vorbei. Die Lust auf Neues ist abgeebbt und Routine ist eingezogen. Er übernachtet in airbnb, beruft sich auf tripadvisor. Auch mit den Jahreszeiten tut der Doktor sich schwer. Ob es in Südspanien genauso einen Herbst gibt wie in Hamburg, ist die grosse Frage. Kalt im T2 will er es nun wirklich nicht haben. War nicht von einem Jahr die Rede? Was macht der Doktor denn mit den restlichen neun Monaten? Ah, er macht Tagestouren in der Heimat an die Nord- und Ostsee. Zu Hause schläft es sich wohl doch am Besten.

Untermalt ist das Buch mit schlechten Fotos, gewöhnliche Motive, gewöhnliche Blickwinkel, die wenig berühren. Zwischen den Kapiteln sind verschiedene Rezepte eingebaut, die von Reisebekanntschaften zubereitet sind. Anscheinend hat der Doktor auch vorher schon nie gekocht.

Die Reisebekanntschaften sind zum Teil so peinlich detailliert beschrieben, dass mir ein Mädel ins besondere schon fast leid tut. Ich hoffe sehr, dass Lina von ihrem Erscheinen in diesem Buch weiß….

Der Doktor begeht einen Ehrenkodex Fauxpas: er gibt die Stellplätze inkl. GPS Koordinaten preis und stellt sich ohne mit der Wimper zu zucken auch noch in Naturschutzgebieten auf. Wie oft habe ich, gerade in diesem Vanlife-Verrückten-Sommer-2020, damit zu kämpfen gehabt, dass wunderschöne Plätze auf einmal völlig überlaufen, verschandelt und von da ab nicht mehr zugänglich sind für Reisende wie mich. Darauf zu achten, dass während und nach einem Besuch alles in Ordnung ist, nichts hinterlassen wird und vor allem anderen Menschen die Möglichkeit einer Entdeckung bleibt, gehört zum verantwortungsvollem Reisen dazu.

Zwischen den Zeilen lese ich von einem gelangweilten arroganten Menschen, der sich alles erlauben kann solange es das Budget hergibt.

Fazit: dieses Buch macht mich ärgerlich. Es ist von Anfang bis zum Ende fraglich und nicht zugänglich. Ich empfehle dem Autor all-inclusive Hotelaufenthalte. Da ist es ja nun leider völlig gängig, sich so unmöglich zu benehmen. In der Regel sind die Publikationen vom Delius Klasing Verlag informativ, auf einem hohen Niveau und ansprechend. Es erinnert an die Lektoren-Szene von Moritz Bleibtreu in “Rotwein oder Totsein”…. Nicht jeder Trend sollte mitgemacht werden dürfen, so eine Art Lektüre zu veröffentlichen. Ein heimwehlicher Reiseautor ist besser mit einem Blog bedient. So wären seine Nächte auch arbeitsintensiver gewesen und hätten für weniger Freilauf gesorgt.

Bitte spendet den überteuerten Preis von €20 einem gemeinnützigem Zweck. Zum Beispiel dem Erhalt der spanischen Naturschutzgebiete. Schade um die Bäume, die für dieses Buch herhalten mussten. Wäre er doch lieber bei dem Tintenstrahldrucker geblieben…..

Eckdaten zum Buch:

220 Seiten. 105 Fotos. Format 15,6 x 23,3 cm. 19,90 €. ISBN: 978-3-667-11249-1

Delius Klasing Verlag, Bielefeld

 

 

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1 Gedanke zu „Bücherecke: Martin Röhrig. Schrauben. Schlafen. Surfen.“

  1. Vielleicht sollte der Verlag lieber mit dir an einem Buch arbeiten, also mit einem Vollblutreisegenießer anstatt mit einem Hipsterreisedoktor… kann mich noch erinnern, dass du den Titel schon als Kopie deiner Idee empfunden hast.

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